Drogen- und Suchtbericht 2019

Drogen- und Suchtbericht 2019

Drogen- und Suchtbericht 2019 veröffentlicht

Daniela Ludwig, Pressefoto

Daniela Ludwig (CSU), Pressefoto

Daniela Ludwig, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, hat heute den Drogen- und Suchtbericht 2019[1] veröffentlicht. Neben dem üblichen Rundumschlag gegen Tabak, Alkohol und Drogen hat man darin natürlich auch in diesem Jahr die E-Zigarette wieder ins Visier genommen.

Wie auch schon bei ihrer Vorgängerin Marlene Mortler, die inzwischen in das Europäische Parlament nach Straßburg gewechselt ist, wird auch in diesem Bericht erneut die gesundheitspolitische Chance der E-Zigarette und der Nutzen in der Harm Reduction weitestgehend vernachlässigt.

Daniela Ludwig hat, seit dem Beginn Ihrer Tätigkeit als Drogenbeauftragte der Bundesregierung, mehrfach ein umfassendes Werbeverbot, bzw. eine Ausweitung des Werbeverbots für Tabakprodukte[2] gefordert. Dabei hat sie auch mehrfach betont, dass es keine Ausnahmen für E-Zigaretten[3] geben dürfe. Die Richtung, die Daniela Ludwig in Ihrer Position als Drogenbeauftragte einnimmt, dürfte damit relativ eindeutig sein.

Chance (erneut) vertan

Es war also nicht zu erwarten, dass der diesjährigen Drogen- und Suchtbericht einigermaßen objektiv und neutral ausfallen würde. Die Befürchtungen, dass die Drogenbeauftragte nicht mal ansatzweise etwas von Ihrem Job verstehen würde, haben sich leider bewahrheitet. Hier ein paar der negativen Highlights:

Konsum unter Jugendlichen gestiegen – tatsächlich?

Zunächst werden wieder einmal die Kinder- und Jugendlichen vorgeschoben, um Stimmung gegen die E-Zigarette zu machen. Wer 2016 mit der Aufnahme der E-Zigarette in das Jugendschutzgesetz geglaubt hatte, dass dieses Argument anschließend von der Bildfläche verschwindet, hat sich leider getäuscht. Obwohl per Gesetz ganz klar geregelt ist, dass Jugendliche mit dem Produkt E-Zigarette nicht in Berührung zu kommen haben, wird weiterhin so getan, als würden E-Zigaretten im Schulkiosk angeboten.

„6,6 Prozent der jungen Erwachsenen und 4,2 Prozent der Jugendlichen haben in den vergangenen 30 Tagen E-Zigaretten konsumiert. Ihr Anteil lag im Jahr 2012 bei 3,9 beziehungsweise 2,6 Prozent“ (Zahlen der BzgA)

Was es mit den Zahlen der BzgA auf sich hat, und wie hier künstlich ein enormer Zuwachs unter Jugendlichen generiert werden soll (der in der Praxis überhaupt nicht vorhanden ist), habe ich bereits hier gezeigt: Die Faulen Tricks der BzgA

Horror-Vision E-Zigarette

Bei den gesundheitlichen Auswirkungen holt man dann zum Rundumschlag aus und zaubert erneut sämtliche Horror-Argumente der E-Zigaretten Gegner hervor:

„Erste Studien weisen allerdings deutlich darauf hin, dass E-Zigarettenaerosol im Körper oxidativen Stress erhöht, entzündliche Reaktionen in der Lunge hervorruft und für Zellen giftig sein kann. Außerdem kann es die Zellvermehrung, die Zellfunktion und die Immunabwehr beeinträchtigen und das Erbgut schädigen. Zudem wurden mehrere Einzelfälle beschrieben, in denen E-Zigarettenkonsum mit speziellen Formen von Lungenentzündungen in Verbindung gebracht wurde.“

Auch die unter Dampf-Gegnern so beliebten „feinen und ultrafeinen Partikel“ kommen wieder zum Einsatz, begleitet vom Formaldehyd, den Metallen und sämtlichen anderem Zeug, das man bei der Überhitzung und dem Trockendampfen von Verdampfern so finden kann.

„Das Aerosol von E-Zigaretten besteht aus feinen und ultrafeinen Flüssigkeitspartikeln aus Propylenglykol und/oder Glycerin und Aromen. Das Aerosol kann weitere schädliche Substanzen wie Formaldehyd, Acetaldehyd, Acrolein, reaktive Sauerstoffverbindungen und Metalle enthalten.“

Passivdampf?

Ludwig sieht außerdem die Gefahr einer Belastung der Raumluft durch E-Zigaretten, obwohl zahlreiche Studien bislang das Gegenteil belegen[4],[5],[6],[7],[8].

„Auch wenn das Ausmaß einer möglichen Gesundheitsgefährdung bislang nicht geklärt ist, sollten E-Zigaretten ebenso wie Tabakzigaretten zum vorbeugenden Gesundheitsschutz für Nichtkonsumenten nicht in Räumen verwendet werden, in denen ein Rauchverbot besteht, denn auch E-Zigaretten tragen zur Belastung von Raumluft bei.“

Third-Hand Smoke? Ernsthaft?

Besonders haarsträubend ist der Absatz, in dem es um Third-Hand Smoke geht. Also die Belastung von Personen, die einen Raum betreten, lange nachdem dort gedampft wurde. Quasi der Passiv-Passiv-Dampf. Um hier überhaupt irgendetwas konstruieren zu können, wird die E-Zigarette mit der Wasserpfeife/Shisha in einen Topf geworfen.

Auch bei E-Zigaretten und Shishas sind Ablagerungen von Partikeln aus dem Aerosol auf Oberflächen in Räumen nicht ausgeschlossen. Die Belastung ist umso höher, je mehr E-Zigaretten oder Shishas im Raum verwendet werden. Das haben Studien inzwischen nachgewiesen.

Wenn es keinen Passivdampf gibt (siehe oben), dann kann es logischerweise auch keinen Passiv-Passiv-Dampf geben. Beschlagene Scheiben durch Glycerin mögen vielleicht im Auto für eine schlechte Sicht sorgen, eine Gesundheitsgefahr besteht jedoch allenfalls, wenn man die Scheiben vor Fahrtantritt nicht genügend reinigt, nicht aber durch die abgelagerten „Partikel“. Selbst wenn man die Scheiben – mangels Scheibenreiniger – ablecken würde, wäre das maximal eklig oder verstörend für Leute, die dies beobachten, keinesfalls aber gesundheitsschädlich.

Die schnelle Nikotinsucht durch die JUUL?

Trump hätte es nicht besser gekonnt: Im Bericht nimmt man speziell die JUUL als „die böse E-Zigarette“ ins Visier und erklärt

(Das Liquid der JUUL) „… enthält zusätzlich zu der üblichen Mischung aus Nikotin, Propylenglykol, Glycerin und Aromastoffen auch Benzoesäure. Nikotin geht mit der Benzoesäure eine Verbindung ein und bildet ein Nikotinsalz, das nach Einschätzung von Experten dazu beiträgt, dass das Nikotin eine geringere Reizwirkung auf Hals und Lungen ausübt und somit tiefer eingeatmet werden kann.“

Dies geht einher mit der Befürchtung, dass man damit insbesondere Jugendliche in eine schnelle „Nikotinabhängigkeit“ führen möchte:

„Dies führt zu der Befürchtung, dass insbesondere Jugendliche, die diese Produkte nutzen, vergleichsweise schneller eine Nikotinabhängigkeit entwickeln.“

Eine vor wenigen Tagen veröffentliche Studie[9] der Oxford Universität hat allerdings gezeigt, dass durch die E-Zigarette keinesfalls eine neue Generation von „nikotinabhängigen“ Jugendlichen herangezüchtet wird, wie es gerne behauptet wird. Vielmehr sind es die gleichen Jugendlichen, die ohnehin mit dem Konsum von Nikotin begonnen hätten, nur dass sie nun statt zur Tabakzigarette lieber zur E-Zigarette greifen. Sie konsumieren also eine Alternative, die 95% weniger schädlich ist.

Verantwortlich dafür, dass die Jugendlichen mit dem Konsum von Nikotin beginnen, sind laut der Oxford Universität in erster Linie Risikofaktoren, wie die Rauchgewohnheiten der Eltern, die Erziehung, das Rauchen unter Gleichaltrigen, Impulsivität, kriminelles Verhalten, Depressionen, Angstzustände, Alkoholkonsum, Konsum von Marihuana oder anderen illegale Substanzen.

E-Shishas sind keine E-Zigaretten, oder doch?

Bezeichnen für die Qualität des Drogen- und Suchtberichts 2019 ist auch die Erklärung, wie sich E-Zigaretten von E-Shishas unterscheiden:

„E-Zigaretten bestehen aus einem Mundstück, einem Akku, einem elektrischen Vernebler, sowie einer Wechsel-Kartusche, in der sich eine Flüssigkeit („Liquid“) befindet.“

„Ähnlich wie die E-Zigarette funktioniert auch die E-Shisha: Auch sie besteht aus einem Mundstück, einem Akku oder einer Batterie, einem elektronischen Verdampfer, sowie einer Kartusche mit einem Liquid.“

Alles klar, oder?

Positive Tendenzen

Trotz der gerechtfertigten Kritik an dem Drogen- und Suchtbericht 2019 gibt es aber auch durchaus positive Aussagen, die allerdings gut versteckt sind. So wird beispielsweise ganz eindeutig gezeigt, dass die E-Zigaretten für Nie-Raucher überhaupt kein Thema sind. Nur 0,3 % der Nie-Raucher benutzen aktuell eine E-Zigarette. Auch unter Jugendlichen ist die E-Zigarette mit 0,9% dauerhafter Nutzung eher unbeliebt.

Als Mittel zur Tabakentwöhnung wird die E-Zigarette jedoch immer beliebter. In der Praxis ist sie inzwischen die am häufigsten eingesetzte Methode zur Unterstützung der Tabakentwöhnung. Außerdem wird erwähnt, dass es immer mehr Studien gibt, die davon ausgehen, dass E-Zigaretten aufgrund der deutlich geringeren Schadstoffmenge im Aerosol im Vergleich zu Rauchtabak weniger schädlich sind.

Auf diese positiven Aussagen weist unter anderem die Pressemeldung des VdeH[10] hin. Darin wirft der VdeH der Drogenbeauftragten Ludwig vor, aus dem Drogen- und Suchtbericht 2019 die falschen Schlüsse zu ziehen.

Panikmache auf Kosten der Allgemeinheit

Bezogen auf die E-Zigarette ist im Drogen- und Suchtbericht 2019 nur wenig Substanzielles enthalten. Es überwiegt die mantraartige Wiederholung längst widerlegter Panikmache. Geht man davon aus, dass sich die Drogenbeauftragte und Ihre zahlreichen Mitarbeiter und Experten bei den übrigen Themen gleichermaßen viel Mühe gegeben haben, muss man bei diesem Werk wohl von einer gewaltigen Verschwendung von Steuermitteln ausgehen. Schade drum …

 

[1] https://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Drogenbeauftragte/4_Presse/1_Pressemitteilungen/2019/2019_IV.Q/DSB_2019_mj_barr.pdf
[2] https://www.presseportal.de/pm/51580/4384047
[3] https://www.general-anzeiger-bonn.de/news/politik/deutschland/e-zigaretten-drogenbeauftragte-fordert-werbeverbot-klare-regelung-noetig_aid-46475375
[4] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23033998
[5] http://www.ecigarette-research.com/web/index.php/2013-04-07-09-50-07/2014/184-passive-vape
[6] http://www.rospa.com/rospaweb/docs/advice-services/home-safety/vaping-in-the-home-advice-for-parents.pdf
[7] https://link.springer.com/article/10.1007/s40572-015-0072-x/fulltext.html
[8] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20510903
[9] https://academic.oup.com/ntr/advance-article-abstract/doi/10.1093/ntr/ntz157/5570011
[10] https://vd-eh.de/drogen-und-suchtbericht-2019-bestaetigt-potenzial-der-e-zigarette-drogenbeauftragte-ludwig-zieht-aber-falsche-schluesse

 

Über den Autor

Horst Winkler
Horst Winkler
Ich bin Dampfer seit Anfang 2012 und richte seitdem meinen Blick auf alles was mit dem Dampfen zu tun hat. Hierbei interessierte mich von Anfang an der Aufbau und die Funktionsweise der Hardware, so dass ich neue Geräte immer schon etwas genauer unter die Lupe genommen habe. Bereits 2013 fing ich an kleine Testberichte zu schreiben. Dies entwickelte sich immer weiter und aus kleinen Testberichten wurden große Reviews mit Wickelanleitungen sowie Tipps und Tricks zu vielen Verdampfern und Akkuträgern. Seit Februar 2014 schreibe ich nun regelmäßig Artikel für das DAMPFERmagazin und kümmere mich hierbei hauptsächlich um die Reviews. Dabei versuche ich sowohl über neue und beliebte Mainstream-Geräte zu berichten, als auch über weniger bekannte Exoten. Ab und zu schreibe ich aber auch gerne mal einen politischen Artikel, aber auch wissenschaftliche Studien sowie juristische Entscheidungen die das Dampfen betreffen liegen immer mal wieder in meinem Fokus. Besonders faszinieren mich innovative und neue Konzepte, die zeigen dass die Entwicklung des Dampfens erst am Anfang steht und noch immer ein großes Potential in sich birgt. Man erreicht mich über die E-Mail-Adresse horst.winkler@dampfer-magazin.de​.