Frischer Wind aus Heidelberg?

Frischer Wind aus Heidelberg?

Bericht von der 15. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle im DKFZ

Am 06./07. Dezember fand die 15. Deutsche Konferenz für Tabakkontrolle im Kommunikationszentrum des Deutsche Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg statt. Eine jährlich stattfindende Veranstaltung bei der sich Anti-Tabak Lobbyisten gegenseitig für ihren Kampf gegen die Tabak-Industrie feiern und kritische Stimmen unerwünscht sind.

Kurzfassung: Pötschke-Langer träumt immernoch von ihren Ideologien und bekommt einen Orden verliehen / Lothar Binding (SPD) will verbieten, besteuern und bittet um Unterstützung beim Kampf gegen die Tabak-Lobby / Franz Pietsch (Österreich) hilft Richtern gerne beim Denken und hat neuerdings Apotheken-Visionen / Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)  vermeldet eigentlich erfreuliches, lässt sich dann aber von der Anti-Tabak Lobby vor den Karren spannen und „mutiert“ / Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sammelt Bildchen und zählt Scherzanrufe / Möchtergern-Enthüllungsjournalisten warnen die Welt vor Derek Yach / Ute Mons betont den Netto Nutzen der E-Zigarette und möchte sie als offizielles Entwöhnungsmittel anerkennen / Das BMEL hat nichts verstanden und ruft sicherheitshalber auch ganz laut „Apotheke!“
DKFZ Heidelberg

Ute Mons und Martina Pötschke-Langer © DKFZ Heidelberg / Jutta Jung

Frau Dr. Ute Mons, die seit September 2016 die Nachfolge von Frau Dr. Pötschke-Langer angetreten hat (Link), eröffnete die Konferenz und wies gleich nach der Begrüßung der rund 400 Teilnehmer auf das Foto-, Film- und Aufzeichnungsverbot hin, welches für diese Konferenz gelte. Begründet wurde dies damit, dass man eine ungestörte Veranstaltung wünscht und zudem das Urheberrecht schützen möchte.

Man könnte nun mutmaßen, dass es dem DKFZ unangenehm ist, wenn man auf Mitschnitten sehen würde, dass die Teilnehmer zu 80% aus Studenten und Studentinnen der Uni Heidelberg bestanden, die recht gelangweilt schauten und offensichtlich nur wegen der Fortbildungspunkte anwesend waren. Denkbar wäre auch, dass es dem DKFZ nicht gefallen würde, wenn die teilweise ziemlich entlarvenden Aussagen der Referentinnen und Referenten auch außerhalb des Kommunikationszentrums öffentlich werden würden. Doch das sind nur Mutmaßungen, kommen wir zu den einzelnen Vorträgen, bei denen ich aus Platzgründen nur auf einen kleinen Teil der Beiträge eingehen kann.

Alte Erfolge, Neue Gefahren

DKFZ Heidelberg

Verbotstafel bei der Konferenz des DKFZ in Heidelberg

Ute Mons war es dann auch, die die Konferenz mit einem Überblick zum Thema „Wo steht Deutschland in der Tabakkontrolle“ begann. Als positiv und großen Erfolg wurde das Inkrafttreten der deutschen TPD2 Umsetzung und die Ratifizierung des Anti-Schmuggel Abkommens erwähnt. Doch man hatte auch Negatives zu berichten. Zum einen ist der Versuch das vollständige Werbeverbot (Außenwerbung) durchzusetzen, gescheitert, und zum anderen drängt ein neues (potentiell gefährliches) Produkt auf den Markt. Die sogenannten Tabakerhitzer.

Bei den Forderungen des DKFZ verwies sie einfach auf das Positionspapier des Aktionsbündnis Nichtrauchen. Eine Anti-Tabak Vereinigung, an deren Spitze seit letztem Jahr die bereits erwähnte Frau Dr. Pötschke- Langer sitzt. Wer also geglaubt hatte, dass Pötschke-Langer nach dem Ausscheiden aus dem DKFZ nichts mehr zu sagen hätte, wurde spätestens jetzt eines besseren belehrt. Pötschke-Langer bringt nun einfach unter dem Deckmantel des ABNR ihre Ideologie zum Ausdruck, und das DKFZ übernimmt diese Position kurzerhand. Spätestens seit dem Bekanntwerden ihrer fragwürdigen Verstrickungen zu Pharma-Konzernen (siehe Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 17.05.2016) hätte man hier eigentlich einen Schlussstrich ziehen sollen, aber so bleibt eben doch alles beim Alten.

Die Kultur des Lobbyismus

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Lothar Binding (SPD) (Quelle: commons.wikimedia.org)

Nach dieser Einführung war auch sofort Lothar Binding von der SPD am Zug. Der Bundestagsabgeordnete war nach Heidelberg gekommen und sprach zum Thema „Tabakkontrollpolitik nach der Bundestagswahl“.

Nachdem er erstmal die Politik, bzw. sich selbst dafür lobte, dass vor 10 Jahren scharfe Gesetze gegen den Konsum von Tabak in Kraft getreten sind, bemängelte er im gleichem Atemzug, dass seitdem nicht mehr viel passiert ist. Es begann ein wenig Wahlkampf, bei dem er Volker Kauder und Christian Schmidt die Verantwortung zuschob, dass es kein umfassendes Werbeverbot in Deutschland gäbe. Ein kleiner Seitenhieb auf das Thema Glyphosat blieb dabei natürlich nicht aus.

Anschließend begann er die Kultur des Lobbyismus zu beklagen. Schließlich kommen in Berlin auf kaum mehr als 700 Abgeordnete mindestens 5200 Lobbyisten, in Brüssel gäbe es sogar 22.000 Lobbyisten. Darauf folgte ein dringender Appell an die Teilnehmer der Konferenz. Er bat darum Abgeordnete anzuschreiben und Bürgersprechstunden bei lokalen Politikern zu nutzen, um auf die Positionen vom DKFZ aufmerksam zu machen und härtere Gesetze zu fordern.

DKFZ Heidelberg

DKFZ in Heidelberg

Als Problem sieht er vor allem die vielen Referatsleiter, Beamten, etc. in den Ministerien. Diese bleiben im Amt, auch wenn die Regierung wechselt. Sie sind es auch, die massiv von der (Tabak)-Lobby gesteuert werden, den Ministern ihre Reden schreiben und generell zu großen Einfluss haben.

Dampfer-Briefe für die Rundablage, so geht Politik

Kurz darauf erzählt er (lächelnd), dass er jede Woche mehrere Briefe von überzeugten „Dampfern“ in sein Büro bekommt. Diese würden ihm doch tatsächlich erzählen wollen, dass es ihnen jetzt so viel besser geht. Natürlich ist das alles Blödsinn, denn die E-Zigarette ist (seiner Meinung nach) doch genauso schädlich wie die Tabak-Zigarette.

Daraus folgt eigentlich nur eines: Man muss die E-Zigarette genau so behandeln wie die Tabak-Zigarette. Außerdem ist es wichtig gegen den Lifestyle-Faktor, den die E-Zigarette verbreitet, anzugehen. Er würde das ja alles gerne durchsetzen, aber er ist ja in seiner Partei nur für die Finanzpolitik zuständig. Das Wirtschaftsministerium steht härteren Gesetzen entgegen, weil diese immer mit „dem Verlust von Arbeitsplätzen“ argumentieren.

Als Finanzpolitiker fordert er eine einheitliche Steuer auf alle Tabakprodukte (egal ob Zigaretten, Pfeifentabak oder E-Zigaretten). Er hätte auch keine Bedenken, wenn eine Zigarettenschachtel 40€ kosten würde. Vor allem aber muss auch der Nichtraucherschutz extrem ausgeweitet und vereinheitlicht werden. Nachdem er für seine Forderungen von den Teilnehmern der Konferenz gefeiert wurde, war seine Mission erfüllt. Kurz nach seinem Auftritt verschwand er und hörte sich die anderen Vorträge erst gar nicht an.

Bundesinstitut testet Tabakerhitzer

Vielleicht hätte er den nächsten Vortrag noch abwarten sollen, denn dieser fiel ein wenig aus der Reihe. Nadja Mallock vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) referierte zu dem Thema „Gesundheitsgefährdung durch Tabakerhitzer“. Bei den unabhängigen Untersuchungen durch das BfR kam man fast zu den identischen Werten, die Philip Morris in seinen Studien veröffentlicht hatte. Dabei stellte sich heraus, dass die Tabakerhitzer zwischen 80% und 99% weniger Schadstoffe produzieren als eine herkömmliche Tabak-Zigarette.

Eigentlich eine positive Meldung, aus Sicht der Harm Reduction, die aber wohl irgendwie nicht in das Weltbild der Anti-Tabak Lobby passen will. Darum bemühte man sich unter den Teilnehmer auch sofort darum, den ebenfalls anwesenden Frank Henkler vom BfR darauf hinzuweisen, dass man doch bitte aufpassen muss, „wie“ man diese Neuigkeit verbreitet. Keinesfalls dürfte die Untersuchung von den Tabak-Firmen zu Marketingzwecken missbraucht werden können. Niemand sollte die Aussage „80%-99% weniger schädlich“ verwenden, das wäre ein gefundenes Fressen für Big-T.

UPDATE

Inzwischen sind die Ergebnisse teilweise veröffentlicht worden. So informiert beispielsweise das Ärzteblatt seit dem 12.12.17 in dem Artikel „Tabakerhitzer: Erste Untersuchungen des BfR bestätigen reduzierte Emission“ über die Untersuchungen des BfR. Dabei erwähnt man eindringlich, dass man die Tabakerhitzer trotz der positiven Ergebnisse nicht empfehlen kann und zitiert „Dennoch sind Empfehlungen problematisch, da die Emissionen der Tabakerhitzer nach wie vor mutagen sind.

Dies ist äußerst interessant, da während der Präsentation in Heidelberg nichts von irgendwelchen „Mutagenen Emissionen“ erzählt wurde. Im Gegenteil man hat sich sehr positiv zu den Tabakerhitzern geäussert. Plötzlich aber dominiert eine (im Konjunktiv formulierte) Behauptung zu „Mutagenen Emissionen“ in den Aussagen. Das BfR hat also Wort gehalten und sich darum gekümmert, dass die Ergebnisse so präsentiert werden, dass sie negativ klingen und nicht positiv. Hier hat die Anti-Tabak Lobby ganze Arbeit geleistet und das BfR lässt sich mal wieder vor den Karren spannen. … wie war das mit der Kultur des Lobbyismus, Herr Binding?

Den Richtern beim Denken helfen

DKFZ Heidelberg

Tabak Kontroll Skala (Quelle: www.tobaccocontrolscale.org)

Nun hatte Franz Pietsch vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) aus Österreich seinen Auftritt, bei dem er über die Tabakkontrollmaßnahmen im Nachbarland berichtete. Zuerst ging er auf die Tabakkontrollskala ein, bei der Österreich bekanntermaßen auf dem letzten Platz liege. Er profitiere davon, da er diese Platzierung immer wieder als Anlass nehmen kann, um härtere Gesetze „durchzudrücken“.

Überhaupt sei ihm sehr viel zu verdanken. Er hat es geschafft, alle Verfahren vor dem Verfassungsgericht zu gewinnen. Da er ein bestens vernetzter Jurist ist, würde ihm zwar häufig vorgeworfen, er würde Einfluss auf die Justiz nehmen. Das stimmt jedoch nicht, da er lediglich „den Richtern beim Denken hilft“.

Dank ihm ist die Gesetzgebung noch weit über die Vorgaben der TPD2 hinausgegangen. So gibt es in Österreich beispielsweise das Versandhandelsverbot, was er auch zu seinen Verdiensten zählt. Leider aber, so beklagt er, gäbe es da ein Vollzugsproblem. Es müssten also Möglichkeiten geschaffen werden, damit er deutschen Firmen (die nach Österreich versenden) schneller, besser und wirkungsvoller belangen könne. Ein weiterer Verdienst ist die verschärfte Meldepflicht für Zusatzstoffe, die im ersten Halbjahr 2018 kommen soll.

Ein Orden für Martina

Am Ende hatte er dann auch noch eine Überraschung zu verkündigen. Die ehemalige Leiterin der Tabakkontrolle, Dr. Martina Pötschke-Langer, bekommt demnächst das „Große Goldene Ehrenzeichen“ von Österreich für ihre Verdienste verliehen. Ohne Sie hätte er nie das fachliche Wissen aufgebracht, um alle Verfahren vor dem Verfassungsgerichtshof zu gewinnen. Durch ihre Hilfestellung und ihre Expertise ist er als Jurist überhaupt erst in die Lage versetzt worden, so erfolgreich gegen die E-Zigarette vorzugehen.

Das Spaßtelefon für langweilige Kneipenabende

Den ersten Vortrag des zweiten Tages hielt Katrin Duhme von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Sie berichtete über den Erfolg der neuen Warnhinweise und Schockbilder, und den Anstieg der Anruferzahlen an der „Rauchfrei“-Hotline.

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Das Kommunikationszentrum des DKFZ in Heidelberg – Out of Order

Da direkt unter den Schockbildern die Telefonnummer des Rauchfrei-Telefons aufgedruckt ist, haben seit der TPD Umsetzung auch die Telefonanrufe stark zugenommen. An der Hotline sitzen 13 Berater. Diese kümmern sich an 362 Tagen im Jahr um vier Leitungen, an denen im Monat etwa 18.000 Anrufe eingehen. Kurz nach der TPD waren es sogar kurzfristig 25.000 Anrufe. Ein enormer Anstieg, denn zuvor waren es lediglich 3000 – 5000 Anrufe, die man verzeichnen konnte.

Etwas ernüchternd ist jedoch, dass nur rund 19% der Anrufer tatsächlich mit dem Rauchen aufhören wollen. Über 60% sind lediglich Scherzanrufe oder der Anrufer legt sofort wieder auf. Ein weiterer Teil der Anrufer will sich auch einfach nur über die hässlichen Schockbilder beschweren. Noch ernüchternder ist, dass von den aufhörwilligen Anrufern nur ein kleiner Teil erfolgreich ist, und diese Zahlen weiter sinken.

Aufgrund der telefonischen Beratung durch das Rauchfrei-Telefon schaffen es pro Jahr möglicherweise wenige hundert Raucher aufzuhören. Bei einer geschätzten Anzahl von 20 Millionen Rauchern stellt sich hier also die Frage, ob der enorme finanziellen Aufwand (aus Steuergeldern), der für diese Hotline geleistet wird, tatsächlich noch gerechtfertigt ist.

Das ewige und ultimative Böse

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Tabakplantage in Guatemala

Als nächstes kam Laura Graen, eine Aktivistin von „unfairtobaco.org“. Sie erklärte ausführlich, weshalb die Tabak-Industrie das ultimative Böse ist und mit allen Mitteln bekämpft werden sollte. Dabei kamen die unfairen Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und die Gefahren zu Sprache, denen die Plantagenarbeiter täglich ausgesetzt sind. Auch wenn sie mit ihren Anschuldigungen nicht ganz unrecht hat, so sind das sicherlich keine Probleme, die nur von der Tabak-Industrie, sondern allgemein von weltweit agierenden Großkonzernen verursacht und gefördert werden.

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Dr. Derek Yach (Quelle: www.smokefreeworld.org)

Interessant war dann der Schwenk zum Thema „Foundation for a smoke-free world”. Dabei handelt es sich um eine Stiftung, die vom ehemaligen Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Dr. Derek Yach gegründet wurde. Er war Mitinitiator des FCTC Abkommens und lange Zeit auf der Seite der Anti-Tabak Bewegung. Aufgrund der verfehlten Tabakpolitik der WHO, bei der kein Platz für Harm Reduction ist, hat er sich jedoch entschieden den Kurs der WHO nicht mehr länger mitzutragen. Kern seiner Stiftung ist die Forschung über Nikotinprodukte mit reduzierter Schädlichkeit, zu denen unter anderem E-Zigaretten zählen.

Wie nicht anders zu erwarten, erntete Yach für seine Stifung viel Kritik. Insbesondere die Tatsache, dass er für die Stiftung Geld von Philip Morris International (PMI) annimmt, ist dabei vielen Anti-Tabak Aktivisten sauer aufgestoßen.

Es war also auch nicht verwunderlich, dass Laura Graen in genau diese Kerbe schlug und die anwesenden Teilnehmer darüber informierte, dass Yach nun von PMI „gekauft“ wurde. Folglich wäre sein Institut nicht unabhängig, sondern von PMI gesteuert. Jegliche Zusammenarbeit mit diesem Institut ist von vorneherein abzulehnen. Nach den Worten „Machen Sie die Politik, Universitäten und ihre Institutionen darauf aufmerksam, dass diese Stiftung nicht unabhängig ist und betonen Sie stattdessen die Erfolge der Tabakkontrolle!“ wurde sie von den Teilnehmer als Enthüllungsjournalistin gefeiert.

Ein Dampfer kommt zu Wort

Nach einer weiteren Pause begann das Thema E-Zigarette, moderiert von Dr. Tobias Rüther. Er ist Suchtexperte vom Klinikum der Universität München und steht seit längerem der E-Zigarette recht aufgeschlossen gegenüber, auch wenn er sie scheinbar nur als Mittel zum Ausstieg betrachtet.

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Das Plenum im DKFZ in Heidelberg

Der erste Vortrag in diesem Themenblock wurde von Dr. Martin Eichler von der Uni Dresden gehalten. Er ist seit 5 Jahren selbst Dampfer und präsentierte aktuelle Zahlen zur E-Zigarette. Er betonte, dass es kaum Jugendliche gibt, die eine E-Zigarette dauerhaft verwenden und dass die Gateway Hypothese – also dass Jugendliche von der E-Zigarette zur Tabak-Zigarette wechseln – schlichtweg nicht belegbar ist. Seine klare Aussage war, dass das Dampfen wesentlich weniger gefährlich ist, als der Konsum von Tabak-Zigaretten.

Alles in allem Informationen, die vielen langjährigen Dampfern schon seit Jahren bekannt sind. Trotzdem ein recht erfrischender und insgesamt eher positiver Vortrag.

Warum es in UK funktioniert …

Es folgte Leonie Brose vom Kings College in London. Sie erklärte, dass Werbung für E-Zigaretten in England erlaubt sei, sofern in der Werbung keine Assoziation mit Tabak gemacht wird. Ähnlich wie in Deutschland rechnet man in UK mit etwa 2,9 Millionen Dampfern, denen noch etwa 7-8 Millionen Raucher gegenüberstehen. Sie präsentierte Zahlen, die ganz klar belegten, dass die (wenigen) Kinder und Jugendliche, die eine E-Zigarette verwenden, zuvor bereits zur Tabak-Zigarette gegriffen hatten.

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Schild auf dem Außengelände des DKFZ in Heidelberg

Mit dem Hinweis, dass Public Health England Anfang 2018 einen neuen (sehr interessanten) Bericht veröffentlichen werden wird, forderte sie, dass E-Zigaretten unterstützt und gefördert werden sollten, sofern sie keinen Tabak enthalten. Man sollte E-Zigaretten als Chance begreifen und sie sinnvoll mit dem „Stop Smoking Service“ kombinieren.

Anschließend kam Sie kurz noch auf die Risikomarker von E-Zigaretten zu sprechen und zeigte Werte, die eindeutig belegten, dass man als E-Zigaretten Konsument ein ähnliches Risiko trägt wie ein Nichtraucher.  Sie wies dann noch auf die positive Datenlage hin, bezeichnete E-Zigaretten als wesentlich erfolgreicher als Nikotinersatzprodukte und betonte, dass die Sichtweise auf die E-Zigarette einer der Gründe ist, weshalb Großbritannien in der Tabakkontrolle führend ist.

Wundermittel gehören in die Apotheke

Man merkte, wie es in einigen der Anwesenden brodelte, und es dauerte nicht lange, da folgte eine kritische Nachfrage von Dr. Franz Pietsch: „Wenn die E-Zigarette denn ein solches Wundermittel in der Entwöhnung ist, warum steckt man sie dann nicht als Medizinprodukt in Apotheke?

Bei diesem Punkt bekam er spontan große Zustimmung von Martin Köhler vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Auch er fragte nach, weshalb man die E-Zigarette dann nicht einfach zu einem Medizinprodukt deklariert. So etwas würde dann schließlich in die Apotheke gehören.

Dr. Martin Eichler versuchte noch zu erklären, dass die E-Zigarette dadurch an Attraktivität verlieren würde und kein Dampfer ein standardisiertes Medizinprodukt aus der Apotheke möchte. Sein Gegenargument wurde allerdings nicht weiter kommentiert. Interessant war jedoch, dass anschließend Dr. Franz Pietsch von seinem Platz aufstand, zu Frau Dr. Pötschke-Langer ging und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Man bekam irgendwie den Eindruck, ihn hätte der Einwand des deutschen Kollegen nicht besonders gut gefallen.

Der Netto Nutzen der E-Zigarette

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Dr. Tobias Rüther und Dr. Ute Mons, DKFZ Heidelberg, 07.12.17

Zum Ende der Veranstaltung kam nochmals Frau Dr. Ute Mons an die Reihe. Sie fasste zusammen dass es einen Dissens zwischen Befürworter und Gegner von Harm Reduction gäbe. Während die eine Seite die Chancen betonen würde, lägen bei den anderen die Gefahren im Vordergrund. Ihr persönliches Fazit ist jedoch, dass der Netto Nutzen von E-Zigaretten größer ist, als der mögliche Schaden.

Die Konsequenz daraus müsse sein, dass man versucht die negative Auswirkungen von E-Zigaretten zu vermeiden. Das bedeutet, dass Nichtraucher vor dem Einstieg geschützt werden müssen, die E-Zigarette weiterhin nur ab 18 zu bekommen sei, dass die Werbung verboten bleiben müsste und dass die E-Zigaretten keinesfalls attraktiv für Kinder sein dürfte. Sie forderte zudem, dass E-Zigaretten unbedingt besteuert werden müssen, allerdings nicht so stark wie Tabak-Zigaretten. Hier müsste es einen Unterschied geben, so dass E-Zigaretten trotz Steuer immer noch attraktiver seien als Tabak-Zigaretten.

Einhorn-Pups als Negativ-Beispiel

DKFZ Heidelberg

Einhorn-Pups Aroma (Quelle: www.dampfalarm.de)

Natürlich müssten auch die Aromen reguliert werden, insbesondere die Aromen, die für Kinder attraktiv sind. Dabei blendete sie das Bild eines „Einhorn-Pups“ Aromas ein, das sie offensichtlich auf der Webseite www.dampfalarm.de gefunden hatte. Leider vergass sie zu erwähnen, dass es sich dabei um ein Lebensmittelaroma handelt. Also ein Produkt, dass weder vom Tabakerzeugnisgesetz noch vom Jugendschutz betroffen ist, und dass sich theoretisch jeder (auch Jugendliche) in den Tee oder über die Weihnachtsplätzchen kippen dürften.

Um die positive Auswirkungen von E-Zigaretten zu fördern, fiel ihr anschließend nur ein einziger Punkt ein. Das Entwöhnungspotential sollte genutzt werden und die E-Zigarette müsste dafür offiziell als Entwöhnungs-Methode anerkannt werden.

Erneut forderte Martin Köhler dass die E-Zigarette dann aber auch in die Apotheke gehören würde, schließlich ist da Nikotin drin. Setzen: Sechs!

Angebliche Experten (und leider auch Entscheidungsträger) haben bis heute nicht begriffen WAS eine E-Zigarette ist, wer sie produziert, wie sie funktioniert und dass in einem Stück Metall, Plastik oder einer Akkuzelle kein Nikotin enthalten sein kann. Es ist erschreckend, dass gut 10 Jahre nachdem die E-Zigarette erstmals in größeren Stückzahlen auf den Markt gekommen ist, immernoch ideologisch verblendete Abstinenz-Apostel den Ton angeben und unqualifizierte Wichtigtuer so tun können, als hätten sie sich über das Thema informiert und die Weisheit mit Löffeln gefressen. 

Deju-Vu

Der frische Wind aus Heidelberg entpuppt sich bei näherer Betrachtung leider als heiße Luft oder besser gesagt als (Einhorn)-Pups. Leider kann man davon ausgehen, dass 2018 erneut das „Apotheken-Thema“ aufgewärmt wird. Viele Dampfer, die schon lange dabei sind, werden sich an die ersten Bemühungen erinnern, bei denen die Politik die E-Zigarette in die Apotheke verbannen wollte. Damals ist man glücklicherweise damit gescheitert. Aber dieser Blödsinn wird wohl erneut auf den Tisch kommen und wahrscheinlich erst dann aufhören, wenn die Politik endlich begreift, dass der Erfolg der E-Zigarette zu einem großen Teil in der vorhandenen Vielfalt liegt, dass es „die eine E-Zigarette“ nicht gibt und dass man die E-Zigarette zwar sinnvoll als bessere Alternative zur Tabak-Zigarette nutzen kann, sie aber weder Entwöhnungsmittel noch Tabakprodukt ist, sondern ein erfolgreiches Genussmittel ohne nachgewiesene Schädlichkeit.


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Über den Autor

Horst Winkler
Horst Winkler
Ich bin Dampfer seit Anfang 2012 und richte seitdem meinen Blick auf alles was mit dem Dampfen zu tun hat. Hierbei interessierte mich von Anfang an der Aufbau und die Funktionsweise der Hardware, so dass ich neue Geräte immer schon etwas genauer unter die Lupe genommen habe. Bereits 2013 fing ich an kleine Testberichte zu schreiben. Dies entwickelte sich immer weiter und aus kleinen Testberichten wurden große Reviews mit Wickelanleitungen sowie Tipps und Tricks zu vielen Verdampfern und Akkuträgern. Seit Februar 2014 schreibe ich nun regelmäßig Artikel für das DAMPFERmagazin und kümmere mich hierbei hauptsächlich um die Reviews. Dabei versuche ich sowohl über neue und beliebte Mainstream-Geräte zu berichten, als auch über weniger bekannte Exoten. Ab und zu schreibe ich aber auch gerne mal einen politischen Artikel, aber auch wissenschaftliche Studien sowie juristische Entscheidungen die das Dampfen betreffen liegen immer mal wieder in meinem Fokus. Besonders faszinieren mich innovative und neue Konzepte, die zeigen dass die Entwicklung des Dampfens erst am Anfang steht und noch immer ein großes Potential in sich birgt. Man erreicht mich über die E-Mail-Adresse horst.winkler@dampfer-magazin.de​.

1 Kommentar zu "Frischer Wind aus Heidelberg?"

  1. Seit 2011 dampfe ich, und es geht mir gesundheitlich wesentlich besser als mit der Pyro! Ich kann nur allen Rauchern empfehlen auf die E-Zigarette umzusteigen. Diese Hetze gegen die E-Zigarette hat wohl nichts mit der Gesundheit der Bürger zu tun, sondern es geht nur ums Geld!

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