Gute Richtung, aber falsch abgebogen

Gute Richtung, aber falsch abgebogen

Politik trifft Wissenschaft beim eGarage Insight in Berlin

Erneut kamen in der Landesvertretung Hamburg in Berlin mehrere Vertreter aus Wissenschaft und Politik beim eGarage Insight zusammen. Die Veranstaltung, die vom Bündnis für Tabakfreien Genuss (BfTG) unterstützt wurde, zeigte dass noch erhebliche Wissenslücken und eine teilweise stark verzerrte Sicht auf die E-Zigarette vorhanden sind.

Prof. Dr. Peter Hayek, Queen Mary University of London

Prof. Dr. Peter Hayek, Queen Mary University of London

Eingangs stellte Prof. Dr. Peter Hayek von der Queen Mary University of London seine neueste Studie vor. Diese zeigt klar, dass E-Zigaretten wesentlich effektiver beim Rauchstopp helfen, als Nikotinersatzprodukte. Auch die Kosten seien bei der E-Zigarette geringer, deshalb sollte man E-Zigaretten als eine wichtige Option der Rauchentwöhnung sehen.

Dr. Tobias Rüther vom Universitätsklinikum München dankte Prof. Hayek für seine Studie, durch die das Potential der E-Zigarette deutlich werde. Auch Dr. Rüther riet davon ab E-Zigaretten generell zu verteufeln und forderte stattdessen „Beobachten-regulieren-forschen!“.

Allgemeiner Konsens bei der deutlich geringeren Schädlichkeit

Anschließend begann eine Diskussion, die vom Journalisten Asgar Graw moderiert wurde. Dabei waren die drogenpolitische Sprecherin der Grünen, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, der drogenpolitische Sprecher der Linken, Niema Movassat und Dr. Gero Hocker von der FDP, sich sofort einig darüber, dass die E-Zigarette wesentliche gesundheitliche Vorteile gegenüber der Tabakzigarette bietet. Doch damit war bei den Gemeinsamkeiten auch schon Schluss.

Dr. Gero Hocker, Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, FDP

Dr. Gero Hocker, Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, FDP

Eine kurzzeitig hitzige Diskussion entbrannte beim Thema Werbeverbot. Während Dr. Kirsten Kappert-Gonther erneut ein vollumfängliches Werbeverbot, auch für E-Zigaretten fordert, mahnte Dr. Hocker von der FDP, dass man mit einem Werbeverbot vielen Rauchern die Chance nehmen würde auf die E-Zigarette aufmerksam zu werden und sich für die bessere Alternative zu entscheiden.

Für Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher von den Linken, ist es in erster Linie wichtig, dass ein komplettes Werbeverbot für Tabak-Zigaretten umgesetzt wird. Dabei klammert er ein Werbeverbot für E-Zigaretten ganz klar aus. Das würde nicht ganz oben auf seiner Agenda stehen, viel wichtiger wäre da noch ein Werbeverbot für Alkohol.

Nikotin, ein süchtig machendes Nervengift

Dr. Kirsten Kappert-Gonther (MdB/Grüne), Drogenpolitische Sprecherin

Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Drogenpolitische Sprecherin, Die Grünen

Dr. Kirsten Kappert-Gonther ergänzte, dass die E-Zigarette aus gesundheitspolitischer Sicht sehr interessant sei, man aber dennoch die Gefahr sehe, das Nichtrauchern zu neuen Nutzern werden. Die E-Zigarette muss ein Produkt sein, das sich lediglich an starke, langjährige Raucher richtet, und darf keinesfalls dazu führen, dass Kinder und Jugendliche über die E-Zigarette den Einstieg in den Tabak-Konsum finden. Dabei betonte sie mehrmals, dass Nikotin ein süchtig machendes Nervengift wäre.

Man müsse den Aspekt des Gesundheitsschutz aber auch den Aspekt Jugendschutz sehen, so Kappert-Gonther. Als Beispiel wurde die Juul genannt, die in den USA für eine „Epidiemie“ unter Jugendlichen gesorgt hätte.

Der neue Teufel: die JUUL

Schnell wurde deutlich, die JUUL hat einen bleibenden, negativen Eindruck – auch bei deutschen Politikern – hinterlassen.

JUUL Marketing in den USA

JUUL Marketing in den USA

Mit Bilder von JUUL Marketingkampagnen und Zahlen aus den USA, die Dr. Rüther in seiner Präsentation zeigte, rannte er offene Türen ein. Denn diese Zahlen und Bildern bestätigten den Eindruck bei Kappert-Gonther und Movassat, dass die JUUL eine große Gefahr darstellen würde. Da half auch die Aussage des anwesenden Vertreters der Firma JUUL nicht viel, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätte und man sich nun den Jugendschutz ganz groß auf die Fahne geschrieben habe.

Leider wurde bei der Diskussion nicht genügend zwischen den USA und Europa/Deutschland differenziert, denn die JUUL hatte es in den USA natürlich deutlicher einfacher gehabt, als das in Deutschland oder Europa der Fall ist. In Europa gelten drastisch strengere Einschränkungen beim Nikotingehalt, so dass es sich bei der hierzulande angebotenen Version der JUUL eigentlich um ein „kastriertes“ Produkt handelt. Zudem gibt es in Deutschland ein größtenteils funktionierendes Jugendschutzgesetz, wodurch eine großflächige Verbreitung der JUUL unter Jugendlichen so gut wie unmöglich gemacht wird.

Informationen durch Ärzte

Kappert-Gonter (Grüne) und Ansgar Graw (Moderation)

Bezeichnend auch die Aussage von Kappert-Gonther, dass man keine Werbung brauchen würde um die Menschen zu Informieren. „Wenn ein Raucher die E-Zigarette nutzen wollte, dann wäre der Gang zum Arzt der richtige Weg, um fachlich fundierte Informationen zu bekommen“, so Kappert-Gonter. Fast hätte man an einen Aprilscherz denken können, doch dieser Vorschlag war tatsächlich ernst gemeint.

Dr. Kappert-Gonther ist ebenfalls der Meinung, dass die Raucher über die Existenz der E-Zigarette Bescheid wissen. Es brauche daher keine Werbung um Raucher darauf aufmerksam zu machen.

Dr. med. Tobias Rüther, Universitätsklinikum München

Dr. med. Tobias Rüther, Universitätsklinikum München

Hier vernachlässigt man allerdings die Tatsache, dass es in den letzten Jahren keinerlei vernünftige Informationen der Gesundheitsorganisationen wie dem DKFZ oder der BZgA gegeben hat. Im Gegenteil. Öffentliche Stellen haben bislang eher Horror-Meldungen verbreitet, statt echte Fakten zu liefern. Das ist einer der Gründe, weshalb 60% der Bevölkerung glauben, dass die E-Zigarette genauso schädlich, oder sogar noch schädlicher ist, als die Tabak-Zigarette.

Man sollte auch darüber nachdenken ob gesetzliche Krankenkassen die Kosten übernehmen sollen, so ein weiterer Vorschlag von Movassat und Kappert-Gonther. Ein Punkt bei dem Dr. Rüther sofort zustimmte. Er wies jedoch auch darauf hin, dass Kosten für Therapiekurse meistens von den Teilnehmern selbst getragen werden müssen. Hier fordert er schon lange, dass die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden müssten.

Diese Forderung überrascht nicht, denn Dr. Tobias Rüther ist Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit, die genau solche Kurse anbietet. Würden die Krankenkassen verpflichtet werden die Kosten hierfür zu übernehmen, würde dies sicherlich für stets gut besuchte Therapie-Kurse sorgen.

Wer Mango anbietet, zielt klar auf Kinder ab.

Niema Movassat, Drogenpolitischer Sprecher, Die Linke

Niema Movassat, Drogenpolitischer Sprecher, Die Linke

Erschreckend die Aussage von Niema Movassat (Linke): „Wer Mango anbietet, zielt klar auf Kinder ab.“ Glücklicherweise kamen hier recht schnell Gegenstimmen aus dem Publikum und auch von Gero Hocker (FDP). Es zeigt aber, dass der Irrglaube, E-Zigaretten müssen zwingend nach Tabak schmecken, leider noch sehr weit verbreitet ist.

Dustin Dahlmann vom BfTG zeigte sich dennoch zufrieden mit der Veranstaltung und sagte anschließend: “Die Veranstaltung in Berlin lief sehr gut. Prof. Hajek hat sich in seinem Vortrag ganz klar auf die Chancen der E-Zigarette für den Tabakstopp konzentriert. Fakten zur Harm Reduction kamen auch von Dr. Rüther und dies brachte die Diskussion entscheidend voran. Nun liegt es an den bei der Diskussion anwesenden Politikern, diese Fakten auch in ihre Fraktionen zu tragen und als Grundlage für weitere politische Entscheidungen zu verwenden. Das Ziel ist die Trennung von Tabak und E-Zigarette in der Gesetzgebung und eine breite Aufklärung der Bevölkerung.

Persönliches Fazit

Während man bei den Linken durchaus gewillt ist, die E-Zigarette bei der Werbung anders zu behandeln als Tabak-Zigaretten, sieht man bei den Grünen hauptsächlich große Gefahren und will statt Werbung, nur Informationen durch Ärzte zulassen. Einzig die FDP spricht sich gegen jegliche (weitere) Einschränkungen aus.

Prof. Dr. Peter Hayek, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Ansgar Graw, Dustin Dahlmann, Dr. Gero Hocker, Niema Movassat, Dr. Tobias Rüther

Prof. Dr. Peter Hayek, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Ansgar Graw, Dustin Dahlmann, Dr. Gero Hocker, Niema Movassat, Dr. Tobias Rüther

Es ist zwar erfreulich, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat und langsam den Nutzen der E-Zigarette sowie die deutlich geringere Schädlichkeit erkennt. Wer jedoch lediglich den Einsatz in Entwöhnungstherapien fordert, und dabei auf Ärzte als kompetente Ansprechpartner setzt, hat mit Sicherheit die falsche Ausfahrt genommen.

E-Zigaretten können sicherlich ein Mittel zur Rauchentwöhnung sein, ein Großteil der Dampfer verwendet die E-Zigarette jedoch eher als dauerhafte und weniger schädliche Alternative. Diese Entwöhnungs-Schiene, in die man die E-Zigarette nun offensichtlich schieben will, gefällt mir überhaupt nicht. Vernünftige Informationen können momentan überhaupt nicht von Ärzten und Gesundheitsorganisationen kommen. Auch wenn es erfreuliche Ausnahmen gibt, haben die meisten Ärzte keinerlei Kompetenz beim Thema E-Zigarette. Die eigentlichen Experten, sitzen in Dampfershops, haben täglich mehrere Einsteigerberatungen und in den letzten Jahren mehr zur öffentlichen Gesundheit beigetragen als sämtliche Gesundheitsagenturen zusammen.

Erwachsene, die sich – aus welchen Gründen auch immer – dazu entscheiden Nikotin in Form der E-Zigarette zu konsumieren, sollten dies uneingeschränkt tun dürfen. Dabei ist es letztlich sogar egal ob man ein erwachsener Nichtraucher oder Raucher ist. Solange es keine wissenschaftlich nachweisbaren Schäden durch die Nutzung von E-Zigaretten gibt, sollte es jedem erwachsenen Menschen selbst überlassen sein ob er Dampfen möchte oder nicht.

Über Kinder, Jugendliche und den Gateway braucht man eigentlich nichts mehr zu sagen. Wer bis heute nicht verstanden hat, dass es den Gateway nicht gibt, und immer noch mit dem Schutz der Kinder argumentiert, hat entweder nicht begriffen dass es in Deutschland ein Jugendschutzgesetz gibt oder hat sonst keine Argumente mehr übrig.

 

Über den Autor

Horst Winkler
Horst Winkler
Ich bin Dampfer seit Anfang 2012 und richte seitdem meinen Blick auf alles was mit dem Dampfen zu tun hat. Hierbei interessierte mich von Anfang an der Aufbau und die Funktionsweise der Hardware, so dass ich neue Geräte immer schon etwas genauer unter die Lupe genommen habe. Bereits 2013 fing ich an kleine Testberichte zu schreiben. Dies entwickelte sich immer weiter und aus kleinen Testberichten wurden große Reviews mit Wickelanleitungen sowie Tipps und Tricks zu vielen Verdampfern und Akkuträgern. Seit Februar 2014 schreibe ich nun regelmäßig Artikel für das DAMPFERmagazin und kümmere mich hierbei hauptsächlich um die Reviews. Dabei versuche ich sowohl über neue und beliebte Mainstream-Geräte zu berichten, als auch über weniger bekannte Exoten. Ab und zu schreibe ich aber auch gerne mal einen politischen Artikel, aber auch wissenschaftliche Studien sowie juristische Entscheidungen die das Dampfen betreffen liegen immer mal wieder in meinem Fokus. Besonders faszinieren mich innovative und neue Konzepte, die zeigen dass die Entwicklung des Dampfens erst am Anfang steht und noch immer ein großes Potential in sich birgt. Man erreicht mich über die E-Mail-Adresse horst.winkler@dampfer-magazin.de​.