Peter und der Wolf

Peter und der Wolf

( …wenn Dampfer sich zoffen )

[Autor: Levantius]

Wir haben es gerne einfach. Klare Linien, durchschaubare Strukturen. Eine deutliche Abgrenzung zwischen „Gut“ und „Böse“. Das erleichtert in vielerlei Hinsicht unser Denken und Handeln. Man weiß einfach, was man „gut“ und „schlecht“ zu finden hat. Es erspart einem, die eigene Haltung hinterfragen zu müssen. Bestimmte Kriterien, Verhaltensmuster und Eigenschaften können so jeweils mühelos der einen oder anderen Seite zugeordnet werden. Dies entspricht zum Teil der Wahrnehmung, die wir als Kinder hatten: „Die Guten haben blaue und grüne Lichtschwerter, die Bösen haben rote und schwarze“. Mit dieser Feststellung hat meine Tochter die Fronten bei Clone Wars für sich selbst „geklärt“ und eine klare Linie gefunden, an der sie sich orientieren kann. Sich Gedanken zu machen, welche jeweilige Motivation hinter der komplexen Handlung steht, ist seit dem nicht mehr erforderlich. Sie kann sich voll und ganz auf die Bilderflut einlassen. Ein einfaches Erkennungsmerkmal und sie weiß, zu wem sie „halten“ muss.

In Sergei Prokofjew´s Märchen ist der Wolf ganz klar der Böse, er hat Zähne, Krallen und schleicht umher um andere zu fressen, er kann nur der Böse sein. So einfach haben wir es als Erwachsene immer noch gerne, wissend, dass es nicht ganz so einfach ist. Aber was macht das schon? Wenn sich in unseren Facebookgruppen und Foren die Wölfe tummeln, wissen wir schon, wie wir mit ihnen umzugehen haben. Überall gibt es ja schließlich auch einen Peter, bereit seine Schlinge auszulegen und den Wolf am Schwanz zu fangen. Es gibt sie alle, die Wölfe, die Peter, die Enten, die Katzen, die Vögel, die Großväter und natürlich auch die Jäger. Sie alle tummeln sich jeden Tag in unseren sozialen Netzwerken und Foren. Sie alle spielen für uns die Sinfonie mit den für sie vorgesehenen Instrumenten, sie alle spielen uns das Märchen der scheinbar eindeutigen Erkennungsmerkmale vor. Und dafür sind wir ihnen auch noch dankbar, es „gefällt“ uns.

Wenn die 3 Hörner blasen müssen wir nichts mehr hinterfragen, wir wissen, wir haben es mit dem Wolf zu tun, der da durch unser Wohnzimmer trollt. Es ist uns völlig gleichgültig, dass Ente und Vogel mit ihrem unnötigen Streit darüber, wer denn jetzt was für ein Vogel ist, den Wolf angelockt haben. Gerade Enten und Vögel haben wir mehr als genug unter uns Dampfern. Das tägliche Geschnatter ist kaum noch zu überhören. Die ewig unnötigen Diskussionen darüber, was besser ist oder was zum Dampfen gehört und was nicht. Es gibt einfach nicht DIE Wicklung für DEN Verdampfer, nur um mal ein harmloses Beispiel zu nennen. Hier gibt es nicht richtig und falsch. Wenn es jemandem passt, dann passt es jemandem. Sich hier als Missionar zu versuchen, zeugt nicht gerade von Hilfsbereitschaft als antreibende Motivation.

Im Grunde kann man das auf so viele Belange des Dampfens übertragen. Anstatt sich wirklich auf gemeinsame Aspekte zu besinnen, zerfleischen wir uns viel zu oft selbst wegen der kleinen Unterschiede, die wir dann Gott sei Dank doch haben. Ja, wer ist dann bitte in diesem Getümmel der Wolf? Ist doch ganz klar, der Wolf ist der Böse. Und der Böse hat den Streit angefangen. Dumm ist allerdings, dass uns die Interpunktion einen Strich durch unsere einfache Rechnung macht, denn bei der Kommunikation wird der Auslöser jeweils subjektiv empfunden. Aus der eigenen Sicht ist fast immer der andere der Wolf. Jeder hört die tägliche Sinfonie mit einem anderen Ohr, jeder vergibt die Instrumente anders.

Wer in Foren oder in den Netzwerken rumtrollt, ist der Wolf. Logisch. Aber ist er das, weil er bissig kommentiert? Ist er das, weil er sich zu Nutze macht, dass Ente und Vogel hirnlos streiten? Oder kann es nicht sogar auch sein, dass er schlicht und ergreifend keine Ahnung von dem hat, was er da gerade erzählt? Können wir uns auf der anderen Seite wirklich sicher sein, ob unser Peter, der den Jägern mit Stolz den Wolf vorführt, auch wirklich der Gute ist? Sicher, aus der Sicht der Ente, die immer noch schnatternd im Bauch des Wolfes sitzt, ist er das bestimmt. Peter ist clever und gewitzt, aber nur weil wir ihm die Rolle des Guten zuweisen ( da wir die Rolle des Bösen ja schon an den Wolf vergeben haben ), muss er nicht automatisch immer der Gute sein. Oft schreibt er einfach geschickter, weiß besser mit Worten umzugehen und spielt den bösen Wolf einfach aus. Denn, wer da auch immer trollend durch die Internetlandschaften zieht, muss dies nicht mit böser Absicht tun.
Einige halten nun mal nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg und überreichen sie auch nicht mit einem Strauß Blümchen. Andere haben wirklich keinen blassen Schimmer und wenn sie dann auch noch mit Ignoranz gesegnet sind, oh je, dann geht das Popcorn knuspern erst richtig los. Wenn wir ihnen aber deswegen die Rolle des Wolfes zuweisen, wird sich immer ein Peter finden, der einspringt, um sie am Schwanz packen zu wollen. Müssen wir uns dann wundern, dass unser vermeintlicher Wolf auf einmal die Zähne zeigt? Wir sehen in seinem Verhalten sofort ein rotes Lichtschwert, obwohl er dem selbsterklärten Peter nur klar machen wollte, gefälligst die Finger von seiner Rute zu lassen. Nicht jeder, der bissig ist, ist ein Agent Provokateur. Auch wenn es sie durchaus gibt. Die, die Zwietracht säen wo sie fruchtbaren Boden wittern, die, die nachtreten, wo gerade Ruhe eingekehrt ist… oder wo man ihnen einfach eine geeignete Bühne auf dem Silbertablett reicht. Also dann auch dort, wo Peter, wider der Ermahnung des Großvaters, das Gartentor hat offen stehen lassen.

Wobei selbst hier die Frage offen bleibt, ob sie diese Rolle des Provokateurs nur angenommen haben, weil wir sie ihnen verpasst haben. Einigen macht es wirklich Spaß, andere machen es aber wohl auch, weil man sie eh schon abgestempelt hat. Ist der Ruf einmal ruiniert, trollt es sich ganz ungeniert. Wir sind sehr schnell dabei, wenn es darum geht, eine Meinung zu haben. Viel schneller, als wir dazu in der Lage sind, uns von dieser abzuwenden. Unterm Strich werden diese wirklichen Provokateure den geringsten Anteil innerhalb unserer Gemeinschaft ausmachen. Meist wird es wohl darauf zurückzuführen sein, dass wir blind an unseren Linien entlanglaufen und wir es uns einfach zu einfach machen. Wir haben unsere eindeutigen Erkennungsmerkmale für Richtig und Falsch, und schon befindet sich unsere Denkweise wieder in den so lieb gewonnenen Strukturen. Wir zeigen mit dem Finger von uns weg.

Was dabei oft nicht bedacht wird, je nach dem können wir uns selbst schneller im Wolfspelz befinden, als uns lieb ist. Auch dann, wenn wir uns nicht mal Ansatzweise in dieser Rolle vermuten würden. Bei der Frage, ob Nachbau oder nicht, wird es zum Beispiel immer Streit geben. Wer hier die Meinung vertritt, dass Nachbauten die Entwickler schädigen, wird von sich aus niemals davon ausgehen, der „das rote Lichtschwert schwingende Bösewicht“ zu sein. Er hat es auch wirklich nicht verdient, so wahrgenommen zu werden, aber dennoch kann es für ihn lauten: einmal bitte Maßnehmen für das Wolfskostüm. Für ihn ist der Umstand, dass seine Meinung dazu an der ein oder anderen Stelle nicht gefragt ist, nicht relevant. Plagiate sind falsch, grundsätzlich! Also kann meine „richtige“ Meinung doch nicht zeitgleich „falsch“ sein? Hier kommt es halt auch darauf an, wie man in der Lage ist, mit der eigenen Meinung umzugehen und sie nach außen zu tragen. Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. Eine gute Absicht alleine ist also nicht maßgeblich entscheidend für die Wirkung. Aber wenn man jetzt unverstanden ist, liegt es an der falschen Wahrnehmung der anderen, gar an ihrer Haltung, oder liegt es an der Art und Weise, wie man es selber kommuniziert hat? Die simple Äußerung eines Sachverhaltes, völlig ohne persönliche Wertung, kann von meinem Gegenüber schon als Affront empfunden werden.

Zwischenmenschliche Kommunikation ist per se schon nicht einfach. Jeder der verheiratet ist, kann ein Lied davon singen, wie die eigenen Äußerungen von demjenigen, der einen am besten kennt, aufgenommen werden können. Wie soll das denn bitte in den Gruppen und Foren, wo uns die non-verbalen Erkennungsmerkmale ja vollständig fehlen, mit quasi völlig Fremden funktionieren? Reibungspunkte sind also vorprogrammiert. Das alleine ist ja auch nicht das Problem an sich, sondern viel eher wie wir damit umgehen. Ein guter Schritt ist immer, nicht die eigenen Maßstäbe auf andere zu projizieren und andere Sichtweisen zuzulassen, auch wenn sie so ganz anders sind als die eigenen. Es ist auch irgendwo naiv zu erwarten, dass jemand durch das Dampfen mehr Integrität erlangt oder dass es ein „Besserer-Mensch-als-vorher“ Liquid gibt. Wir sind „nur“ ehemalige Raucher, auch wenn es mittlerweile mehr gibt, was uns verbindet. Und wenn es nur der drohende Schatten der TPD2 ist.

Wir verlieren uns manchmal so sehr in unserem sinnlosen Geschnatter, dass der Eindruck entsteht, wir hätten keine anderen Probleme, als untereinander zwischen guten und bösen Dampfern zu unterscheiden. So manche Gruppe sieht sich selbst uneingeschränkt auf der Seite der „Guten“. Durchaus kann man aber gerade dort den Eindruck gewinnen, genau inmitten eines Wolfsrudels gelandet zu sein. Untereinander sozial und familiär, kann da auf einmal, wenn der „falsche“ Knochen hingeworfen wird, aber mal so richtig die Post abgehen. Den Aspekt von Richtig und Falsch kann man genauso endlos lang drehen, wie man so manche Diskussion führen kann. Es ist völlig unmöglich an dieser Stelle eine Schablone anzulegen und zu urteilen! Im Gegensatz zu Prokofjew´s Sinfonie kann man hier einfach nicht hingehen und die Instrumente eindeutig einer Rolle zuordnen. Unsere Wahrnehmung bestimmt unser Verhalten, wie ärgerlich, dass unsere Wahrnehmung von so vielen kleinen Faktoren abhängt, die wir selbst nicht mehr bewusst wahrnehmen ( wollen ).

Wenn dann auch noch der Großvater mahnend den Zeigefinger erhebt, fühlt sich sogar unser Peter zu Unrecht getadelt, weiß er doch genau was er tut. So wie die meisten Dampfer im Allgemeinen ganz genau wissen, was sie tun. So manch einer hält sich dabei für einen sehr schlauen Peter. Rauchverbot? Ach, das interessiert ihn nicht! Man raucht ja schließlich nicht, man dampft. Ohne den kleinen, aber feinen Unterschied selbst anzufechten, kann man aber sehr wohl den Denkprozess dahinter anfechten. Machen wir uns als Dampfer nichts vor, es gibt auch Idioten unter uns. Die Tatsache, dass sie jetzt auch dampfen, gereicht nicht darüber hinwegzusehen, dass das eine nun gar nichts mit dem anderen zu tun hat. Das beste Liquid, das schönste Dampfgerät vermag nichts an fehlender Geisteshaltung zu ändern. Dummerweise sind es oft natürlich gerade diejenigen die unser Bild prägen. So ergeht es anderen Szenen, anderen Nischengesellschaften auch. Dem kann man nur mit besonnenem Verhalten entgegentreten. Alles andere verstärkt die verfälschte Wahrnehmung der Gesellschaft auf uns umso mehr.

Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Idioten aus unseren Subkulturen oder unserem Mainstream entspringen. Da fragt niemand nach. Deswegen ist es sinnlos, sich hier den Wolf hin und her zu schieben. Diese „Dampframbos“ haben wir einfach. Ob sie sich damit profilieren, indem sie in der Öffentlichkeit die Aufzüge zunebeln und sich dann an den dummen bzw. verärgerten Blicken der Leute ergötzen wollen oder ob sie mit ihrem kleinen Clearomizern ungeniert dort weiter dampfen, wo es ihnen das Hausrecht bereits untersagt hat, macht offen gestanden keinen Unterschied für uns alle. Den Unterschied machen wir aus, wie wir damit umgehen. Uns gegenseitig zu verspeisen, sei es mit dem Fang oder mit Messer und Gabel, respektive mit Stäbchen, ist sicherlich der falsche Weg. Es ist doch unser aller Geschnatter was dem Wolf die Möglichkeit bietet Beute zu machen. Wenn dann auch noch ein Peter das Tor offen stehen lässt, müssen wir uns wundern, wenn Großvater mit uns schimpft? Fällt es uns wirklich so schwer, Großvater mal zuzugestehen, sich auch mal im Ton vergreifen zu dürfen? Jeder zieht sich doch nur das Paar Schuhe an, was ihm auch passt. Ärgern wir uns jetzt wirklich darüber, dass uns die Schuhe hingestellt worden sind? Oder lediglich, dass wir sie selbst angezogen haben, um auf der großen Bühne mitzwitschern zu können?

Hier bestimmt doch wieder einmal nur unsere Wahrnehmung unsere „Wahrheit“. Wenn man jetzt die Wahrnehmung im Grundsatz völlig in Frage stellt, die Möglichkeit zulässt, die Sinfonie die ganze Zeit „anders“ wahrgenommen zu haben, als sie in Wirklichkeit gespielt wird…
Vielleicht sind die Wölfe, die durch unser schönes Märchen trollen, ja gar nicht die echten Wölfe. Vielleicht sind es einfach nur die Katzen, die wir mit einem „Husch“ wegjagen können. Sei es als schlauer Peter oder sei es als zwitschernder Vogel, wenn wir nicht dazu fähig sind, uns lange vor dem Paukenschlag zu besinnen, landen wir schlussendlich doch alle nur als schnatternde Ente im Bauch des wahren Wolfes.

5 Kommentare zu "Peter und der Wolf"

  1. Jörg Alpert | 28. August 2014 um 16:14 |

    gut isser geworden, der Artikel.
    Sehr schön lesbar – dank der Absätze. Die Bilder im Kopf stimmen.
    Kompliment Oliver.

  2. Leif Erikson | 28. August 2014 um 19:24 |

    Vielen Dank dafür, dass du uns diesen schönen, bildhaften, Spiegel vorgehalten hast,
    Selbst ich konnte mich dort wiederfinden. Ob als Peter oder Wolf sage ich jetzt nicht ……….
    Es ist leider immer schwierig seinen eigenen „Blinden Fleck“ zu erkennen. Zumal wenn man nicht in der Lage oder Willens ist, das dafür notwendige Feed Back anzunehmen.
    Es ist die Crux in der heutigen, digitalisierten Zeit, wo doch alles und jeder ach so anonym ist, dass viele nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu reflektieren. Die Ansichten und Meinungen anderer zählen da nur insoweit wie sie mit der eigenen Meinung übereinstimmen. Nicht neu aber immer wieder interessant zu sehen.

    Toller Artikel und wie gesagt …… Danke für den Spiegel.

    Leif

  3. Ein sehr schöner und kluger Text, danke dafür!

  4. Danke.
    Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst beschäftigen, wenn es nur so nützlich wäre. Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes erkennen; denn er mißt nach eignem Maß sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehret jeden, was er sei. – Johann Wolfgang von Goethe

  5. Schöner Artikel. Allerdings sind gerade bezüglich Nachbauten die Feststellung “ Er hat es auch wirklich nicht verdient, so wahrgenommen zu werden“ oder “ Plagiate sind falsch, grundsätzlich! “ eine Deutung die ich so nicht sehe. Der Mensch kommt auf die Welt und ahnt seine Eltern nach. Er sieht und macht es nach. Bestenfalls entwickelt er etwas besseres, schlimmstenfalls ist es Schrott. Eine grundlegende moralische Instanz gibt es auf diesem Gebiet schlichtweg nicht. Jeder kann für sich sein eigenes moralisches Empfinden ausdrücken. Die einzige gesellschaftliche Regelung die gilt ist schlichtweg: Betrug. Verkaufe Plagiate nicht als Original. Alles weitere ist Interpretationen und Schamützel die ausgetragen werden. Ja, es gibt ein Markenrecht usw. – dies gilt für Hersteller/Importeure usw. – nicht aber für den Endkunden.

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