The Truth is coming

Truth is coming

The Truth is coming

Bericht von der A Billion Lives Premiere in Berlin

Truth is coming

Aaron und Jennifer Biebert

Es war wohl das festlichste Dampfertreffen, das Deutschland bislang  gesehen hatte. Smokings, Anzüge und festliche Abendkleider soweit man blicken konnte. Grund dafür war die feierliche Premiere des lange erwarteten Films A Billion Lives des amerikanischen Regisseurs Aaron Biebert.

Im denkmalgeschützen „Kino International“, das bis 1989 als DDR-Premierenkino genutzt wurde, lief der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm erstmals in einer deutsch synchronisierten Fassung. Unterstützt durch die Sponsoren vonERL, die diese Synchronisation ermöglicht hatten, und dem Hamburger Unternehmen InnoCigs waren hunderte Dampfer und geladene Gäste zu der festlichen Premiere  gekommen.

Truth is coming

Aaron Biebert und Anja Jochem Skowronek

Thomas Viell und Ilka Klein von E-Rette Berlin haben die Koordination vor Ort übernommen und somit einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass dieses Event überhaupt stattfinden konnte. Beide werden übrigens mit der InterSteamBerlin im nächsten Jahr die erste Dampfermesse in der Bundeshauptstadt veranstalten.

Doch in Gang gekommen ist die ganze Aktion erst durch Anja Jochem Skowronek die Aaron Biebert vor ziemlich genau einem Jahr über Facbook angeschrieben hatte und seitdem mit viel Engagement und ehrenamtlichen Einsatz dafür gesorgt hat, dass der Film nach Deutschland kommt.

Zahlreiche Gäste waren erschienen. Unter anderem David Goerlitz alias „Winston Man“, Steven Pitzl (Antics/The Royal), Timothy Wolf (The Royal) und der in der Dampferszene gut bekannte Prof. Bernd Mayer.

Beeindruckende Bilder

Eindrucksvoll erklärt der Film die Ursprünge des Tabakkonsums und beschreibt die Entwicklung von den religiösen Ritualen amerikanischer Ureinwohner über die Einführung der maschinellen Zigaretten-Produktion bis zur Entstehung einer gewaltigen, finanzkräftigen und mächtigen Industrie.

Truth is comingDer Film zeigt aber auch die Entstehung der Anti-Tabak Bewegung.  Einer Bewegung die es sich ursprünglich zum Ziel gesetzt hatte den Tabak-Konsum und die Tabak-Industrie zu bekämpfen. Doch inzwischen sind sie abhängig von ihrem eigentlichen Feind, den Tabak-Konzernen. Abhängig, da sie ohne ihren Feind keine Existenzberechtigung mehr hätten und auf mehrere Milliarden finanzieller Zuwendungen verzichten müssten. Genauso abhängig wie Regierungen auf der ganzen Welt, die angewiesen sind auf die gigantischen Einnahmen durch Tabak-Steuer und Entschädigungszahlungen der Tabak-Industrie.

Besonders interessant, zugleich aber auch verstörend, waren die Ausschnitte aus alten Werbespots der Tabak-Industrie. Clips die aus heutiger Sicht nur noch bizarr und erschreckend wirken. Nicht weniger befremdlich waren die Ausschnitte aus TV Sendungen, Diskussionen im amerikanischen Kongress und Aussagen angeblicher Experten die gegen die E-Zigarette Stimmung machen.

Truth is comingDiese Aussagen stellte Biebert mit gekonnten Schnitten und eingeschobenen Interviews immer wieder in Frage. Dazu führte er unter anderem Interviews mit Dr. Derek Yach, dem ehemaliger Direktor und Mitbegründer der FCTC, dem Rahmenabkommen zur Tabakkontrolle. Aber auch Dr. Delon Human, der ehemalige Leiter des Weltärztebunds (World Medical Association), Clive Bates der ehemalige Direktor von „Action on Smoking & Health“, Dr. Bill Godshall von Smokefree Pennsylvania sowie Dr. Farsalinos kamen zu Wort.

In weiteren Interviews schildert Hon Lik, der Erfinder der heutigen E-Zigarette, den Moment als er zum ersten mal seine eigene Entwicklung testete und dabei das Nikotin nicht verbrannt sondern verdampft wurde.

Oliver Kershaw, der Gründer des ECF (e-cigarette-forum) erzählt wie er 2007 sein Forum gründete und welche rasante Entwicklung das Dampfen seitdem genommen hat. Man sieht viele spannende Interviews die die Pionierarbeit zeigt welche in der E-Zigarette steckt und die heute schon als selbstverständlich gilt.

Der Winston Man

Truth is coming

Nikolai Dulnig vonERL, der ehemalige „Winston Man“ David Goerlitz , Günter Höfert, CEO vonERL

Ein fesselndes Highlight des Films war die beeindruckende und emotionale Geschichte des ehemaligen „Winston Man“ David Goerlitz. Einst war er Gallionsfigur der Tabak-Branche und verkörperte in zahlreichen Werbespots den sportlichen, gutaussehenden und abenteuerlustigen Draufgänger.

Als sein Bruder, ebenfalls ein starker Raucher, einen frühen Krebstod starb und sein damals 11-jähriger Sohn fragte „Daddy, wirst du einmal genau so sterben?“ war dies für ihn ein Schlag ins Gesicht. In diesem Moment beschloss er mit dem Rauchen aufzuhören, den mehr als lukrativen Werbevertrag an den Nagel zu hängen und sich fortan dem Kampf gegen Tabak zu widmen.

Einzelschicksale

Truth is coming

Großer Andrang am roten Teppich

Doch so euphorisch wie über die Entwicklung und die positiven Effekte des Dampfens bis hin zum Cloud Chasing berichtet wird, so erschreckend sind auch die bedrückenden Einzelschicksale die gezeigt werden.

Beispielsweise das Schicksal von Vince, ein Australischer E-Zigaretten Händler. Ein Gesetz dass sich eigentlich gegen Schoko-Zigaretten richtet, sorgte dafür dass seine Waren beschlagnahmt wurden. Er fühlt sich von den Behörden so behandelt als wäre er Angehöriger eines Drogenkartelles, steht inzwischen vor den Trümmern seiner Existenz und ist kurz davor sein Haus zu verlieren.

Natürlich kommen auch die Konsumenten zu Wort. Viele im Kino erkannten sich selbst wieder, als ein Dampfer gezeigt wurde der stolz eine alte Vamo in die Kamera hält. Er erzählt wie er damit ganz alleine und ohne die Hilfe eines Arztes, von der Tabak-Zigarette aufs Dampfen umgestiegen ist.

Truth is coming

Viele bekannte Gesichter im Foyer

Beeindruckend auch die Mutter, die mit gedrückter Stimme erzählt, dass sie selbst mit 12 Jahren angefangen hat zu Rauchen. Da sie mit 12 Jahren aber nicht einfach ein Päckchen Zigaretten kaufen konnte sah sie sich damals durch ihre Sucht gezwungen Zigaretten zu stehlen und Zigarettenstummel aus Aschenbechern einzusammeln. Heute hat sie selbst eine 12 Jährige Tochter und ist glücklich, dass sie selbst inzwischen mit der E-Zigarette eine bessere Alternative gefunden hat.

Kritik

Der Film bezieht sich hauptsächlich auf die Situation in den USA und nimmt die FDA ins Visier. Das tut dem Film jedoch keinen Abbruch, da man die Erfahrungen, Erkenntnisse und Argumentationen leicht auch auf die Situation in Europa übertragen kann.

Truth is comingMan verlässt diesen Film mit gemischten Gefühlen. Natürlich wird man in seiner Haltung bestätigt, denn die Korruption, der Sumpf, die finanziellen Gründe – von all dem hat man schon häufiger gehört. Es ist jedoch noch einmal etwas ganz anderes wenn man dies in einer so geballten Form in einem Film vorgesetzt bekommt.

So pendelt der Zuschauer während des Films zwischen Begeisterung, Ernüchterung, Traurigkeit, Ungläubigkeit und Wut. Man erkennt, dass es sich bei dem Kampf um die E-Zigarette, nicht um eine neue Auseinandersetzung handelt. Vielmehr ist es die entgleise Fortsetzung eines jahrzehntelang andauernden Krieges, der geprägt wird von Korruption und gegenseitigen Abhängigkeiten.

Ein Dampferfilm?

Truth is coming

Jennifer und Aaron Biebert

Eines wird schnell klar: Es ist kein Dampferfilm. Dampfer sind nicht die Zielgruppe dieses Films und können sicherlich auch kaum neue Erkenntnisse gewinnen. Die interessierte Dampfercommunity kennt die Machenschaften von Big-T und Big-P bestens.

Tatsächlich hätten hier Politiker, Entscheider, Ärzte, Journalisten und möglichst viele Zuschauer sitzen müssen die noch ein falsches Bild von der E-Zigarette haben. Dieser Film hat das Potential vielen Menschen die Augen zu öffnen.

Der Film punktet durch Emotionen, eine geschickte Schnitttechnik und beeindruckende Statements. Ohne die Gesamtleistung von Aaron Biebert zu schmälern, möchte ich jedoch kritisieren dass der Film an einigen Stellen zu wenig auf die Argumente der Dampf-Gegner eingeht, hier hätte man detaillierter die Schwächen und Lügen aufzeigen Truth is comingkönnen. Auch die Aussagen der Dampf-Befürworter werden, nur in den Raum gestellt und nicht gezielt untermauert. Durch die etwas oberflächliche Abhandlung und die Fokussierung auf Korruption und finanzielle Interessen, entsteht so für neutrale Zuseher möglicherweise der Eindruck hier eine Verschwörungstheorie von „E-Zigaretten-Fanatikern“  präsentiert zu bekommen. Hier wären etwas mehr wissenschaftliche Fakten und Verweise sicher dienlich gewesen. Andererseits hätte dies definitiv den Rahmen des Films gesprengt.

Zu kurz gekommen ist meiner Meinung nach die Betrachtung der E-Zigarette als alternatives Genussmittel, zu intensiv wird hier die E-Zigarette als Entwöhnungsmittel in den Vordergrund gerückt. Eine Tendenz die nicht jedem gefallen dürfte.

Deutsche Synchronisation

Obwohl die Synchronisation von einem professionellen Studio in Hollywood gemacht wurde, hat man ihr angemerkt dass sie unter großem Zeitdruck entstanden ist. Da ich sowohl die Originalfassung als auch die deutsche Fassung kenne, fällt es mir leicht hier die Originalfassung zu bevorzugen. Durch die Synchronisation verliert der Film etwas Kraft.

abl_14Zudem ist meiner Meinung nach die Synchronisation an einigen Stellen schlicht überflüssig. So hätte beispielsweise der Begriff Cloud-Chaser nicht unbedingt mit „Wolkenjäger“ übersetzt werden müssen. Insgesamt ist die Synchronisation jedoch gut gelungen und für einen Dokumentarfilm passend umgesetzt.

Leider fehlen bei den eingeblendeten Infotafeln, die hauptsächlich Zitate oder Fakten zeigen, die deutschen Untertitel. Das ist etwas was man vielleicht noch ergänzen sollte.

Ein Meilenstein

Trotz dieser kleiner Kritikpunkte ist der Film grandios und sowohl inhaltlich als auch technisch ein Meilenstein für die Dampfer-Bewegung. Ein Film den jeder Dampfer Truth is comingwenigstens einmal gesehen haben sollte, noch wichtiger wäre es allerdings rauchende Freunde, Bekannte und Familienmitglieder mit ins Kino zu schleifen und sie diesen Film sehen zu lassen.

Truth is coming

Spätestens im Frühjahr 2017 soll es weitere Vorführungen im deutschsprachigen Raum geben. Auch in der Schweiz und in Österreich sind dann Vorstellungen geplant.

 


 

Über den Autor

Horst Winkler
Horst Winkler
Ich bin Dampfer seit Anfang 2012 und richte seitdem meinen Blick auf alles was mit dem Dampfen zu tun hat. Hierbei interessierte mich von Anfang an der Aufbau und die Funktionsweise der Hardware, so dass ich neue Geräte immer schon etwas genauer unter die Lupe genommen habe. Bereits 2013 fing ich an kleine Testberichte zu schreiben. Dies entwickelte sich immer weiter und aus kleinen Testberichten wurden große Reviews mit Wickelanleitungen sowie Tipps und Tricks zu vielen Verdampfern und Akkuträgern. Seit Februar 2014 schreibe ich nun regelmäßig Artikel für das DAMPFERmagazin und kümmere mich hierbei hauptsächlich um die Reviews. Dabei versuche ich sowohl über neue und beliebte Mainstream-Geräte zu berichten, als auch über weniger bekannte Exoten. Ab und zu schreibe ich aber auch gerne mal einen politischen Artikel, aber auch wissenschaftliche Studien sowie juristische Entscheidungen die das Dampfen betreffen liegen immer mal wieder in meinem Fokus. Besonders faszinieren mich innovative und neue Konzepte, die zeigen dass die Entwicklung des Dampfens erst am Anfang steht und noch immer ein großes Potential in sich birgt. Man erreicht mich über die E-Mail-Adresse horst.winkler@dampfer-magazin.de​.

2 Kommentare zu "The Truth is coming"

  1. Udo Laschet | 23. November 2016 um 17:54 |

    Dieses ausführliche Review zum Film lässt soweit keine Fragen offen. Teilweise wurde dieser Film in der gespaltenen Anhängerschaft des tabaklosen Dampfes im Vorfeld kontrovers diskutiert – es gibt zu unterschiedliche Auffassungen zur Thematik der Rauchentwöhnung, zur Thematik der Schadenminimierung, zur Thematik eines allgemein zulassungsfreien Konsumgutes, die auch allesamt nicht und niemals unter einer Rigide zusammenfasst werden könnten.

    Dennoch ist der Wert des Filmes da – und doch nicht greifbar: Zu zeigen, dass hinter den Akteuren noch weitere Akteure stehen, die im wesentlichen alle voneinander abhängig sind, jedoch für das eigene Wohl wirtschaften anstatt für das Gesamtwohl. Man würde sich sicherlich mehr Fakten wünschen können, anstelle von Korrelationen, doch auch hier wird „A Billion Lives“ dem Umstand nicht gerecht werden können, dass begünstigende Sachverhalte zur E-Zigarette in großen Teilen weitgehend ignoriert werden.

    Was jedoch vordringlich und wünschenswert wäre, ist bald und breit ein empfangendes Publikum, dass außerhalb der Dampfer-Bewegung zu finden ist. Frei nach dem Motto „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ verliert eine Botschaft mit der Zeit ihren Gehalt. Ich möchte hierzu nur den Vergleich anführen, wie lange es gedauert hat, bis Michael Moores „Bowling for Columbine“ – nicht zur besten Sendezeit, aber dann doch mit einigen Teasern – im TV lief. Die Botschaft dieses Filmes verlor nicht an Aktualität, dies kann jeder bestätigen, der diese Produktion sehen konnte. Die Doku „Bowling for Columbine“ verlor einfach im Laufe der Zeit an Substanz, weil nicht die Realität sich änderte, sondern der Zeitrahmen.

    Ich kann nur hoffen, beeinflussen könnte ich es selber nur mit einem nur zu geringen Beitrag, dass „A Billion Lives“ sehr bald allgemein zugänglich wird.

  2. Danke, ein Bericht, dem ich in allen Punkten uneingeschränkt zustimmen kann.

Kommentare sind deaktiviert.